Japanisches Allerlei: Gebratener Milan in einer dicklichen Unterrichtssauce, garniert mit kulturellen Highlights, zum Glück ohne Kakerlaken
Das war mein Menü der letzten Wochen. Ja, Wochen, ist echt unglaublich wie hier die Zeit wegbröselt. Aber ich bin eben gut beschäftigt, allein die 24 Semesterwochenstunden fressen ja schon viel Zeit und daneben muss noch selbst eingekauft, gekocht, Läden gesucht und gefunden und natürlich exzessiv nach Hause telefoniert werden.
Der Unterricht teilt sich immer mehr in gut bis sehr gut und schlecht bis grausam. Während in Development Economics die Zeit nur so verfliegt und auch bei Social Research Methods in Education irgendwann die Dozentin rufen muss, dass die Stunde jetzt nun leider vorbei ist und die hitzigen Diskussionen doch bitte in der Freizeit fortgeführt werden sollen (was auch tatsächlich geschieht), gibt es auch Fächer wie Cities in the 21st Century, wo ungelogen (ich hab gezählt!) in der letzten Sitzung 25% der Anwesenden Studenten geschlafen haben. Und ich meine hier nicht das übliche “Ich starre mit leicht geöffnetem Mund völlig leer auf meinen Tisch” SchülerundStudentenschlafen, sondern wirklich das “Diese Vorlesung ist so übel, dass es mir kackegal ist, dass mein Dozent sieht, dass ich penne” MitKopfaufverschränktenArmenaufdemTischliegschlafen.
Joe und ich waren hingegen vorbildliche Studenten, wir haben immerhin Japanischhausaufgaben gemacht. Leider hat meine akkurate Vorbereitung des Japanischunterrichts dazu geführt, dass ich mich da jetzt noch mehr langweile als vorher. Aber da muss ich jetzt wohl durch, nachdem meine Frage, ob ich denn nicht diesen Kurs schmeißen, aber nächstes Semester an Intermediate 2 teilnehmen könnte, sehr freundlich aber doch bestimmt zurückgewiesen wurde. Warum weiß ich auch nicht. Ich persönlich finde ja, wer es geschafft hat, hier an der Uni angenommen zu werden und 10.000 km weit weg von seiner Familie zu überleben, sollte das Recht haben, selbst über seine Kurswahl zu entscheiden, aber da habe ich die japanische Bürokratie wohl unterschätzt.
Immerhin kann ich mich jetzt freuen, da im November mein Besuch an einer japanischen Grundschule ansteht und ich 2 Reports zu schreiben habe. Jetzt mag man sich fragen, was an der Aussicht auf 2 Reports erfreulich sein mag, aber ich bin halt komisch. ^^
Der erste Report ist für Energy and Resources, und soll sich um die Frage drehen, ob man mit Bioalkohol als Energiequelle die globale Erwärmung aufhalten kann. Um diese globalpolitische Frage zu “diskutieren”, habe ich volle 2-3 Seiten (bei 1,5 Zeilenabstand) Platz. Das bedeutet natürlich, dass hier keine akademische Betrachtung gewünscht wird, sondern einfach nur hemmungslose Meinungsäußerung, und, seien wir ehrlich, das war schon immer meine Stärke. ![]()
Der zweite Report ist für Tectonics of the Earth, und soll sich mit der
Mohorovičić-Diskontinuität
und deren Berechnung beschäftigen. Da glaube ich niemand in dem Kurs verstanden hat, was uns der Dozent da erzählt hat, bedeutet das eine Menge eigenes Grübeln und vor allem die Wiederauffrischung meiner mathematischen Kenntnisse, da man dazu irgendwie sinus und cosinus braucht. Und ja, ich find das toll. Wirklich!!
Weitere News gibt es aus meinem Wohnheim: Nachdem ich mich zweimal wegen dem allabendlich inexistenten Inet beschwert oder bzw. meinem Hausvater einen rührenden “Ich kann nur abends mit meiner Familie & meinen Freunden skypen und ich vermiss die doch so und deshalb brauch ich verdammt noch mal anständiges Internet!!!!” Vortrag gehalten habe, hat er für mich mehrfach bei der Inetfirma angerufen und da Terz gemacht. Jedenfalls waren die Schuldigen dann bald gefunden in Gestalt zweier abgrundtief böser Menschen, die hier illegales Filesharing betrieben, mir damit mein Trafficvolumen geklaut und somit verhindert haben, dass ich mit anständigem Klatsch aus der Heimat versorgt werde!! Aber nun hat man ihnen das Internet entzogen!! HARHARHAR! Gut, so ganz super läuft es immer noch nicht (Da ist wohl noch jemand…….*sehr böse schau*), aber damit kann ich leben.
Des weiteren wurde ein Krieg gegen die Kakerlaken eröffnet, in Gestalt eines Fragebogens, wo und wann wir “harmfull or disgusting Insekts” gesichtet haben und Zimmerkontrollen zwecks Drecksnesterauffindung. Die Kontrolle meines Stockwerkes war am Mittwoch, leider in meiner unibedingten Abwesenheit, sodass ich zittert zurückschlich, getrieben on der Angst, Schelte zu kassieren ob der 15 Bilder, die ich hier entgegen der Hausordnung an die Wände gepappt habe. Aber wer auf die Idee kommt, Wohnheimszimmer grau zu streichen, muss in meinen Augen mit Verschönerungsersuchen leben.
An meinem Zimmer gab’s aber nichts auszusetzen und jetzt weiß ich auch warum. Gestern Abend kam Linda kurz zum Quatschen vorbei und als ich ihr die Tür öffnete, sah ich, dass mein geheimnisvoller chinesischer Nachbar anscheinend auszuziehen gedachte. Ich hatte den Typen bisher noch nie zu Gesicht bekommen und war dementsprechend neugierig, auch weil es in einem Wohnheim natürlich ungewöhnlich ist, wenn die Leute mitten im Semester ausziehen.
Also wollte ich mal kurz Hallo und Tschüss sagen und ihn anstarren um danach wilde Spekulationen anzustellen. Dazu habe ich jetzt auch reichlich Stoff, denn als ich kurz in sein Zimmer blicke (Tür war offen) konnte ich mich nur umdrehen, in mein Zimmer zurückzustürzen, meine Brille holen währenddessen auf eine optische Täuschung hoffen. Wurde aber enttäuscht. Blick mit Brille offenbarte mir den schier unglaublichen Dreck in seinem Flur (vor seiner Küche!) noch deutlicher. Wir haben hier alle den Standartlinoleum in hellgrau, wie er in Millionen on Schulen, Wohnheimen und ähnlichen Einrichtungen liegt. Der Boden dieses Typen aber ist braungelb. Der muss wirklich seine Abfälle auf den Boden geworfen und festgetreten haben!
Heute morgen hat er mich durch exzessives saugen (dass der 40 Minuten an einem 16 qm Zimmer saugen kann, sagt ja nun schon einiges) geweckt, dafür ist er nun weg! Denn halt ich heute aus der Uni kam, hing an seiner Tür das rote „in diesem Zimmer wurde der Strom abgeschaltet“ – Schild, was hier bedeutet, dass das Zimmer unbewohnt ist. Yeah!
Abends sprach ich dann noch kurz mit einem Franzosen, der im Zimmer neben dem Dreckspatzen wohnt und auch direkt den Staubsauger geliehen hatte, da er gestern nur knapp einen Umzug on Kakerlaken aus dem Dreckszimmer in seins verhindern konnte. Morgen kauf ich also Fallen.
Mittwoch hatte ich einen schönen Tag. Da ich erst um 13:00 Unterricht hatte, wollte ich mich auf die Suche nach einem Laden flussaufwärts machen, der angeblich viel ausländisches (und damit potenziell heimatliches) Essen führen sollte. Auf dem Weg dahin bin ich natürlich bei meiner geliebten Boulangerie reingesprungen, wo es on adretten Japanerinnen handgemachte Teilchen für wenig Geld gibt, die absolut köstlich sind.
Versorgt mit einem herrlichen Frühstückchen fuhr ich dann weiter zum Fluss, um daran oder vielmehr darin zu essen. Der Fluss ist nämlich sehr liebevoll als Mini-Naherholungsgebiet konspiziert, mit rauschenden Weiden, aristokratischen weißen Kranichen und im glasklaren (aber nicht tiefen) Wasser sind große Steine in Form von Gesichtern oder Schildkröten eingelassen, sodass man durch den Fluss hüpfen oder sich eben in dessen Mitte niederlassen kann. Ich tat also erst das eine, dann das andere. Leider wurde ich überaus höflich von einem verschüchterten Feuerwehrmann dort weggebeten, der offenkundig bei der Frage „Wer muss gehen und mit der Ausländerin reden“ verloren hatte, und nun hoffte, ich würde mir aus „Sorry….. Helikoptaa“ schon das richtige zusammenreimen. So tat ich und hüpfte fröhlich zurück ans Ufer, denn frühstücken mit Blick auf Fluss und Kraniche und Berge ist schon toll, frühstücken mit Blick auf Fluss und Kraniche und Berge und Helicopterlandung aber noch um einiges besser. So saß ich da, hatte grade mein Schokobrötchen angebissen und starrte nun erwartungsvoll auf die Halbinsel gegenüber, wo der Heli erwartet wurde, als ich plötzlich einen Schlag gegen meine Hand fühlte. Die Hand war auch noch dran, das Schokobrötchen aber weg und als ich mich leicht irritiert nach dessen Verbleib umsah, entdeckte ich es entschwindend in den Klauen eines Raubvogels, der es mir im Sturzflug aus der Hand gestohlen hatte!
Das Lachen von Feuerwehrmann Nr. 2 und eines neben mir sitzenden Rentners bestätigte dann, das ich das nicht geträumt hatte. So eine Gelegenheit für Smalltalk kommt selten, und so fragte ich besagten Rentner, was das denn für ein Vogel gewesen sei. Die erhaltene Vokabel tonbi schlug ich natürlich gleich nach, und während mein Japanisch-Deutsches Wörterbuch nur „der Milan“ zu antworten wusste, präsentierte mir mein Japanisch-Englisches Wörterbuch den Satz „Von einem Milan das Aburage (frittierter Tofu) gestohlen bekommen“ als japanische Variante von „etwas unter der Nase weggeschnappt bekommen“. Trifft die Situation genau und offenbart Seelenverwandtschaft zwischen diesem Tonbi und mir, ich hät auch eher ein Schokobrötchen geklaut als frittiertes Tofu…
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