Was ich hier tue
Ich bin hier in einem Austauschprogramm der Universität von Kyoto (Kyoto University International Education Programm = KUINEP), indem sich ausschließlich ausländische Studierende befinden, die ihren Platz hier von ihrer Uni über ein Bewerbungsverfahren erhalten haben.
Das Programm ist zweigeteilt in englischsprachige Kurse zu allem möglichen (wirklich…) und Sprachkursen.
Die englischen Kurse (die ich gewählt habe, mindestens 6 sind Pflicht und mehr macht auch keiner ^^):
Development Economics:
Das wird sicher extrem cool. Der Dozent verlangt viel, spricht aber sehr gut Englisch (und auch ziemlich gut Deutsch) und hat offenkundig viel zu bieten.
Energy and Resources:
Der Dozent hätte sicher auch viel zu bieten, aber… na ja… irgendwie verstehe ich öfter nicht so recht, was er mir mitteilen will. Aber ich hab schon ein paar ganz interessante Sachen aufgeschnappt (Wie mache ich Bioalkohol aus wirklich allem mithilfe von superkritischem Wasser?) und deshalb warte ich da mal ab.
Cities in the 21st Century:
Dem noch recht jungen Dozenten fehlt es IMHO etwas an Selbstvertrauen, er spricht eigentlich recht gut Englisch, traut sich offenkundig aber nicht wirklich, es zu sprechen, weswegen er einfach seine PowerPoint Folien vorließt, was nicht wirklich spannend ist.
Social and Environmental Changes under Substinable Development in Monsoon Asia: Manchmal auch supoptimal verständlich, dafür lerne ich hier sicher was über die Situation in verschiedenen Südostasiatischen Ländern und in was alles Palmöl enthalten ist… hoi.. Außerdem versucht der Dozent aufrichtig, Diskussionen zu entfachen, das wird also vielleicht auch noch ganz spannend:
Tectonics of the earth:
Dieser Kurs wird von einem japanischen Teddy gegeben, der die ersten Stunden immer mit Folien begann, auf denen ein fröhliches Call me Toshi! stand, also nix mit vor seinem Sensei im Staub kriechen….
Erzählen tut er leidenschaftlich von Naturkatastrophen und wo und warum wie viele Menschen ihr Leben verloren. Auch scheint er mit seinen Studenten ständig auf Expeditionen zu gehen, denn wir sahen „Toshi und seine Studies“ schon vor zerstörten Gebäuden verschiedenster Länder.
Es tut mir daher echt leid für ihn, dass das Interesse an seinem Kurs nicht wirklich umwerfend ist, aber den Kurs auf Freitagmorgen zu legen, scheint grade den japanischen Studenten arg zu missfallen..
Social Research Mathods in Education:
Wie der Titel IMHO nicht wirklich erkennen lässt, verbirgt sich hinter diesem Kurs das Thema “Das Japanische Bildungs- und Erziehungssystem im internationalen Vergleich”, was ich extrem interessant finde. Drum habe ich mit Linda zusammen direkt die erste Präsentation eines Textes gemacht und behaupte, dass es ganz gut gelaufen ist. =)
Zudem spricht die Dozentin exzellentes Englisch, was natürlich sehr angenehm ist. Auch freue ich mich schon total auf die Abschlussarbeit, wo wir 1-2 Tage in japanischen Grundschulen zu Gast sind und dann darüber unseren Bericht schreiben.
Man sieht also, im Laufe der Woche bewege ich mich durch ein breites Spektrum, was eigentlich so ganz cool ist. In jedem Kurs muss man mindestens einen Report schreiben, normalerweise aber mehr. Für wen dass jetzt horrend klingt, dem sei gesagt, dass die meisten Reports nur 2-3 Seiten (double spaced!!) sein müssen, das absolute Maximum sind 4-8, was ich offen gesagt lächerlich finde. Wer glaubt, mit dem Schreiben von 4-8 seitigen Reports Akademiker auszubilden, hat meiner Meinung nach einen Schuss weg. Mir sind ja schon die 15 Seiten Hausarbeit meist eher zu wenig als zu viel….
Und was man bitte auf 1-2 Seiten (ja, solche Kurse gibt’s auch…) groß diskutieren oder ausarbeiten soll, ist mir absolut schleierhaft. Aber gut, wenig Arbeit für mich, bin ja schließlich auch eigentlich nicht hier, um englische Reports zu schreiben.
Die Japanischkurse:
Ja….. das ist im Moment so ein Thema… an unserem 2. Tag hatten wir direkt 2 Placementtests, der erste entschied, ob man Elementary oder höher ist, der zweite, in welchem höheren Level man ist. Wärend der Elementary Test ein witz war (Keine Kanji!!!), war der zweite Test extrem gesalzen.
Das hat dazu geführt, dass Intermediate I, wo ich momentan drin bin und wohl auch bleiben muss, sehr heterogen ist, von Leuten, die praktisch nicht lesen können, bis zu schon recht fortgeschrittenen Leuten. So sitze ich zB original vor den Aufgaben aus dem Buch, welches ich im 2. Semester benutzt habe, was schon etwas deprimierend ist. (Schon wieder Mary und Takeshi….!!!)
Das Wechseln in eine höhere Stufe ist aber grundsätzlich ausgeschlossen. Wir haben in meinem Kurs mehrere Leute, die viel zu gut sind, aber nicht einmal Mark, der hier mit seiner japanischen Verlobten zusammenlebt und zwar sicher nicht auf hohem Niveau, aber doch super fließend spricht, durfte wechseln, obwohl er verzweifelt versuchte, darzulegen, dass sein schlechtes Abschneiden beim Placementtest nur am Jetlag lag.
Aber gut, 6 Stunden Unterricht die Woche müssen ja irgendwas bringen, ich will dann versuchen, möglichst viel selbst zu lernen. Seufz
Allerdings muss ich sagen, dass die Betreuung hier wirklich exzellent ist. Das Team des Internationalen Zentrums (welches mitten auf dem Campus liegt und einen eigenen Hörsaal und einen wunderschönen Innenhof hat ) ist stets bemüht, uns zu helfen. (Es sei denn, man will in einen anderen Kurs…)
Aber schon am ersten Tag wurden wir mit dem Zung - Standart -„Sind Sie depressiv?“ – Test begrüsst, den wir dann zwar doch nicht abgeben mussten, aber wir sollten ihn bitte, bitte ausfüllen und wenn irgendwas sei, das Zentrum habe eine ganz liebe Psychologin und dann bitte melden!! Irgendwie scheinen die Japaner wahnsinnige Angst davor zu haben, ihr Land könne Ausländer in den Suizid treiben, denn jeder Ort, an dem sich potenziell Ausländer aufhalten könnten ist mit Postern („Do you have problems with living in Kyoto?“) des Internationalen Vereins von Kyoto gepflastert, die psychologische Beratungen (und kostenlosen Tee!) in 5 Sprachen anbieten. Das ist halt der Service in Japan!
Auch hat man uns einen langen Vortrag über Sexuelle Belästigung gehalten und uns energischst darauf hingewiesen, dass dies in Japan „super-duper high illeagal“ sei, und man jede Form von sexueller Belästigung bitte sofort melden soll. Am sichersten sei es, vor sexuellen Kontakten immer die schriftliche Erlaubnis einzuholen.
Ja… wir haben uns über all das zwar exzessiv lustig gemacht, ich muss aber sagen, dass ich das insgesamt schon gut finde. Ich fühle mich hier gut betreut und weiß, dass ich bei wirklich jeder Art on Problemen immer einen Ansprechpartner habe, was so weit weg von Zuhause doch beruhigend ist.
Die Uni an sich ist unglaublich schön, da sieht man die horrenden Studiengebühren echt mal.. Doch in der Stadt gelegen ist der Campus (mit klassischen Backsteingebäuden) von hohen, rauschenden Bäumen durchzogen gekrönt von dem Kyodai-Baum. Aber den liebe ich so sehr, der kriegt bei Zeiten einen eigenen Post. Auch gibt es einen Kleinen Teich, an dem man sitzen und sein Mittagsbrot mit riesigen Karpfen und Schildkröten teilen kann.
Auch die Mensen sind gut & billig, auch gibt es in der Uni 2 Supermärkte und 1 Apotheke. Ich fürchte, meine gute alte Alma Mater wird mir bei meiner Rückkehr doch etwas ärmlich erscheinen. Zwar schlägt mir hier ständig tiefe Bewunderung für das Studiengebührfreie deutsche Hochschulsystem entgegen, welches ich zwar auch immer lobe und verteidige, aber im Hinterkopf hat man dann doch nagend immer die Erinnerung an die abgeschabten Wände, die hoffnungslos überfüllten Veranstaltungen und bei der überraschten Frage einer Amerikanerin „Wie, ihr kriegt die nötigen Bücher nicht von der Uni, sondern müsst Euch die kaufen??“ konnte ich ja nur lachen, aber gut, die zahlt auch 45 000 Dollar pro Jahr…
Die Leute hier sind bunt gemischt, allerdings mit einer massiven Dominanz von Mitteleuropa. So haben wir allein 7 Deutsche, 4 Holländer, 3 Schweizer, 2 Belgier und 2 Franzosen. Deutsch und Französisch sind also neben Koreanisch die größten Sprachgruppen. Nordamerikaner haben wir auch einige, allerdings meine ich, mehr Kanadier als US-Amerikaner.
Von Afrika ist natürlich keiner vertreten und auch keiner aus Südamerika, dafür noch eine Australierin. Alle sind sehr nett und offen, innerhalb des Jahres wird das bestimmt ne eng verschweißte Gruppe.
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