Mein Wohnheim
Das „Kyôto Institute of Technology International House“ bzw. kurz Marikouji Kaikan ist ein gelber, kantiger 70er Jahre Bau mitten in der Stadt, nur 5 Min von der Kyôdai entfernt.
Von unserem Programm sind nur noch 4 weitere Leute hier, Annette aus Deutschland, Linda aus Holland, Ingrid aus der Schweiz (”The French part! The beautiful part!!!”) und Alice aus Korea. Die anderen 75 Bewohner (darunter auch Familien mit anbetungswert süßen Kindern) gehören zum KIT oder anderen Teilen der Kyôdai.
Bei meiner Ankunft musste ich dann erst mal Berge von Formularen ausfüllen und wurde dann darauf hingewiesen, dass es in Japan neuerdings eine geheimnisvolle Technik namens Recycling gibt, und man seinen Müll trennen muss!!!!!
Allerdings trennen sie hier nur in Gelber Punkt und Rest, Papier und Bio gibt es (noch) nicht. (Müll in Japan ist allerdings einen eigenen Post wert, siehe später)
Dann kam der spannende Moment der Zimmerbesichtigung und ich muss sagen, dass ich auch nach zwei Woche mit meinem Zimmer absolut rundum zufrieden bin.
Ich wohne im 4. Stock und habe ein Eckzimmer mit 2 Fenster, wovon das große nach Osten rausgeht, sodass ich in der ersten Woche dank Jetlag mehrfach den Sonnenaufgang beobachten konnte. Da ich richtig klassisch auf Bäume, ein großes traditionell japanisches Dach und einen Berg schaue, ist das echt schön. Mein Zimmer ist mit ca. 16 qm plus Bad (gut, das Bad ist ein 1 qm großer Plastikkasten, aber es ist meins) recht groß und auch eine Küchenzeile mit Kühlschrank, Kochplatte und Spüle gibt es.
Nur das Bett ist wieder betonartig und das Kissen, welches allen ernstes mit kleinen Plastikröllchen gefüllt ist, rechtfertigt es, dass ich mein eigenes mitgebracht habe. ![]()
Nachdem ich die erste Woche ständig üble Rückenschmerzen hatte, habe ich 15 Euro in eine dickere Matrazenauflage investiert, was mein Leben doch deutlich angenehmer gemacht hat.
Das einzige, was an meinem Zimmer echt nervt, ist der Marsch-Orchesterclub der Kyôdai. Wie es sich für einen japanischen Unclub gehört, proben die hier ganz in der Nähe (draußen!) 3 Stunden pro Tag, 6 Tage die Woche. Die ersten Tage, die ich unfreiwillig miterlebte, spielten sie in der Endlosschleife „Popey, the sailorman“, was mich schon mit wenig Begeisterung erfüllt hat. Nun aber sind sie zu neuen Stücken übergegangen, die sie ja jetzt erst Wochenlang einstudieren müssen und schlecht aber dafür sehr laut gespielte Märsche sind echt keine Freude. Aber gut, ihre Probe findet von 17 – 20:00 statt, wenn ich dann mal wirklich lernen muss, gehe ich halt in die Bibliothek. Auch die Bewohner des schönen japanischen Hauses vor meinem Fenster feiern gerne oft und lang, was mich aber überraschender Weise wenig stört. Und irgendwas stört irgendwen immer, so meine ein thailändischer KUNIEP Student, er könne in seinem (in der Pampa gelegenen) Wohnheim nicht schlafen, er käme aus einer 4 Millionen Metropole in der Nähe von Bangkok und hier sei es ihm nachts einfach zu still. ![]()
Insgesamt habe ich aber deutlich eines der besten Zimmer abbekommen, da die Musikbeschallung wirklich der einzige Haken ist.
Andere hatten oder haben da größere Brocken zu schlucken, denn die erste Woche war dominiert von den News aus Cokroach-Corner, denn ja, es gibt hier im Wohnheim ein „kleines“ Kakerlakenproblem. Annette bekam ein Zimmer im 1. Stock (also Erdgeschoss deutscher Zählung) zugewiesen und verbrachte die ersten drei Tage nur mit Jagen und Putzen. Ich war beim Jagen tlw. Assistent und ich muss sagen, mich hat der Anblick leibhaftiger Kakerlaken so derart geschockt, dass ich jetzt in meinem Zimmer ein Musterbeispiel an deutscher Reinlichkeit bin. Alle hier putzen sich blöd, um nur ja keine Kakerlaken und somit den unerbittlichen Hass ihrer Nachbarn anzuziehen.
Annette durfte derweil umziehen und wohnt nun glücklich im dritten Stock. Eigentlich sollte das nur vorrübergehend sein, aber nachdem der Kammerjäger da war, wurde ihr mitgeteilt, ihr altes Zimmer hätte ein „construction problem“ und nun müssen alle Kakerlakensichtungen genau von der Hausleitung protokolliert werden und die nächsten Wochen finden Zimmerkontrollen statt, da in diesem Zusammenhang festgestellt wurde, dass Annettes Nachbar anscheinend 2 Jahre nicht geputzt hatte und somit Quelle des Übels war.
Damit schien das Problem für uns bereinigt, aber inzwischen hat auch Linda Kakerlaken in ihrem Zimmer gesichtet, also ist definitiv auch der 2. Stock befallen. Auch im Waschraum wurde eine getötet und da dieser sich bereits im 3. befindet, krieg ich hier oben langsam Panik.
Wobei all das nichts gegen Kathi (Österreich) ist, die im Obaku Wohnheim wohnt und in der ersten Woche sage und schreibe DREISSIG Kakerlaken killte. (Wobei man die Viecher nur vergiften, verbrennen, ertränken oder fangen darf, nie totbratschen, aus den Weibchen quellen sonst vielleicht lebensfähige Eier *würg*)
Insgesamt versuche ich zwar, dem Befall möglichst vorzubeugen, indem ich ständig putze, nie Essenreste oder ungespültes Geschirr herumstehen lasse und auch den Müll nur hängend aufbewahre, aber langsam muss man sich natürlich der Erkenntnis stellen, dass Gokiburi (Kakerlaken) nun mal zum Leben in Japan in Maßen dazugehören und kein Zeichen von Unsauberkeit sind wie in Deutschland, wo Kakerlaken ja mehr eine Horrorvorstellung als alltägliche Realität sind.
Zwar bemüht sich die Hausverwaltung jetzt, etwas gegen die Plage zu unternehmen, doch muss man jetzt nach näherer Betrachtung einfach sagen: Das Wohnheim an sich ist einfach nicht sauber. Zwar zahlen wir alle 2000 Yen pro Monat für die Putzfrau, die 2x Woche kommt und auch lieb und nett ist, aber eben nur mal über die Gänge wischt und gut ist. Trotzdem sammeln sich in den Treppenhäusern die Spinnweben und in den Ecken der Dreck.
Auch war die Küche eine große Enttäuschung. Wir haben zwar eine Kitchenunit im Zimmer, aber manchmal möchte man ja doch etwas aufwändiger kochen, gern auch zu mehreren oder auch einfach mal was in der Microwelle aufwärmen.
Aber diese Küche ist so schmutzig, dass ich da sicher nichts kochen werde. Alles klebt und man sieht dem Schmutz einfach an, dass er schon Jahre auf dem Buckel hat. Ich würde ja mal ein Wochenende opfern, um da mal eine Putzorgie zu schmeissen, aber diese Küche hat schon länger den Schritt von aufwändig zu aussichtslos vollzogen.
Trotzallem muss ich sagen, dass ich mich hier wohlfühle. Gut, die Kakerlaken sind eine diffuse Grundangst und die Küche ignoriere ich jetzt einfach. Aber ich mag mein Zimmer. Ich habe in der ersten Woche sehr viel Aufwand betrieben, um es einzurichten, aber jetzt sind die Möbel am perfekten Platz, die Wände sind mit einer Ghibli - Animecollage, einer Japankarte und sehr vielen Kyoto-Postern bedeckt, der Schreibtisch steht voll mit Karten und Bildern der Freunde von daheim und ich hab mir sogar Pflanzen gekauft.
Das alles führt dazu, dass ich, wenn ich nach einem langen, ereignissreichen Tag zurückkomme, einfach nur Tadaima! rufen könnte, der japanischen Floskel für:
Ich bin zuhause.
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October 15th, 2006 @ 8:09 pm
Hallo, hm…also ich will dir ja jetzt keine Sorgen bereiten, aber ich habe damals (haha, damals…bis vor einem Monat) auch im 4. Stock gewohnt und lange keine süßen gokiburis gesehen, bis ich einst unschuldig meine Besteck-Schubalde aufzog und ich angegrinst wurde von meiner neuen Mitbewohnerin. Naja…sie ist dann schnell abgehauen und irgendwann im Sommer, trotz meiner Reinlichkeit und zum Teil auch reisebedingten Abwesenheit zurückgekehrt. Aber vielleicht hast du ja Glück und bleibst verschont, es gibt mit Sicherheit Sehenswerteres als diese fiesen Viecher. ^_^
October 16th, 2006 @ 9:15 am
Also Corinna, ich will dir ja jetzt auch keine Angst machen, aber ich denke du bist alt genug um die Wahrheit zu erfahren: Kakerlaken können auch fliegen! Deswegen solltest du schnell von deinem naiven Glauben loskommen, nur Leute im Erdgeschoss seien betroffen.
Aber das Blasorchester ist schon ein starkes Stück. Sehr lustig!
Ganbare!
October 16th, 2006 @ 9:21 am
Jaja, ihr wollt mir also keine Angst machen……. dann lasst es doch!!!!
Ich hab mich jetzt mit weiteren Tupperdosen bewaffnet und werde nun alles eindosen, was man irgendwie eindosen kann. Außerdem hab ich Moskitonetz or dem Fenster, da kommen die Kakiburi nicht rein!! Obwohl…. gestochen wurde ich ja auch heftigst…..
*HEUL*
October 19th, 2006 @ 10:53 am
Das weckt in mir doch den Drang, lautstark “Cucaracha” zu singen *rofl*
Wer weiß, vllt singen die Kollegen sogar mit *lmao* xD
Na ja, du hast dir ja sicher schon ne extragroße Dose Insektengift gekauft, also mach sie alle
Und viel Spaß noch ^^